Haftung eines Bootsbausachverständigen

Umfang der Prüfungspflichten - FeuchtigkeitsmessungHaftung eines Bootsbausachverständigen

09.12.19Richterliche Einschätzung zu dem Erfordernis, bei einem Wertgutachten an einem formverleimten Holzboot Feuchtigkeitsmessungen durchzuführen.

Urteil zum Pflichtenumfang von Bootsbau-Sachverständigen

Das Landgericht Flensburg hat am 5. Dezember 2019 ein interessantes neues Urteil zur Frage des Pflichtenumfangs und der Haftung von Bootsbau-Sachverständigen bei der Fertigung eines Wertgutachtens erlassen (Az. 3 O 9/18 -nicht rechtskräftig).

Wertgutachten für formverleimtes Holzboot

In dem Streitfall ging es um die Erstellung eines Wertgutachtens bei der Anschaffung eines älteren formverleimten Holz- Seekreuzers. Entgegen der häufig von uns zu beobachtenden Praxis, hatte der Bootsbau-Sachverständige hier für eine aus unserer Sicht halbwegs vernünftige vertragliche Grundlage und eine aussagekräftige Dokumentation des Ergebnisses der Besichtigung gesorgt.

 

Feuchtigkeit und Rott im Unterwasserschiffbereich

Der Auftraggeber erwarb das Boot in der Folge, hatte einige Zeit später allerdings Probleme mit Feuchtigkeit und Verrottung in Bereichen der Konstruktion (Motorfundament/ Saildrive), die ohne substanzverletzen Prüfung nicht ohne weiteres zugänglich waren. Deswegen nahm er den Bootsbau- Sachverständigen in die Haftung. Ob die Verrottung bereits im Zeitpunkt der Besichtigung vorgelegen hatte, das konnte nicht mehr ermittelt werden, erschien aber nicht wahrscheinlich.

Keine generelle Pflicht zur Feuchtigkeitmessung

Das Gericht hatte sich mit der Frage des zu erwartenden Prüfungsumfangs bei Erstellung eines solchen Wertgutachtens auseinanderzusetzen.

Im Ergebnis stellt das Gericht nach Durchführung einer Beweisaufnahme fest, dass sich ein Gutachter in einem derartigen Fall für Zwecke der Erstellung eines Wertgutachtens grundsätzlich auf eine optische, mechanische und olfaktorische Prüfung beschränken könne. Eine Feuchtigkeitsmessung sei nicht standardmäßig erforderlich, auch nicht bei formverleimten Holzkonstruktionen.

Feuchtigkeitsmessung nur bei individuellem Anlaß

Der Gutachter habe hier einen Bewertungsspielraum, ob eine solche Feuchtigkeitsmessung im Einzelfall vorzunehmen sei oder nicht. Im vorliegenden Fall konnte der Gutachter zur Überzeugung  des Gerichtes darlegen, dass es keine Anhaltspunkte für die Erforderlichkeit einer weiteren Feuchtigkeitsmessung gegeben habe. Solche Anhaltspunkte waren im vorliegenden Fall selbst trotz Vorliegen von Feuchtigkeitserscheinungen im Bereich der Bodenwrangen deswegen nicht gegeben, da konstruktionsbedingt die feuchten Bodenwrangen abzugrenzen sind von den übrigen angrenzenden Bauteilen des Bootes.

Fehlende Aussagekraft von Feuchtigkeitsmessungen

Auch eine andersartige Feuchtigkeitsmessung gehört nicht zum zugrundezulegenden Pflichtenrahmen. Dies selbst dann nicht, wenn eine Feuchtigkeitsmessung ohne Substanzzerstörung problemlos und ohne Aufwand möglich sei. Derartige Messungen mit diesen Geräten seien fehleranfällig und nicht zuverlässig. Denn die Geräte reagieren nicht nur auf Feuchtigkeit in Hölzern, sondern auch auf verschiedene andere Materialien, wie beispielsweise im Holz befindlichen Nägel, Klammern und Bolzen, ferner auch Farbe, Leim und Klebstoffe. Auch die Dichte des Holzes sowie die Faserausrichtung können die Ergebnisse der Messungen beeinflussen. Letztlich stelle die Feuchtigkeit vom Holz auch für sich genommen noch keinen Schaden dar, sondern nur eine dadurch möglicherweise hervorgerufene Substanzveränderung. Diese müsse der Gutachter ohnehin gesondert prüfen.

Fazit

Aus dem für beide Seiten riskanten und belastenden Prozess sind aus unserer Sicht folgende Schlüsse zu ziehen:

Sachverständige

...sind gut beraten, den Gegenstand und den Umfang Ihrer Tätigkeiten vor Vertragsschluss hinreichend genau zu kommunizieren und den Umfang ihrer Leistungsverpflichtung schriftlich festzuhalten. Dafür bieten sich vielfältig auch Formulargestaltungen an. Letztlich kommt es insbesondere häufig auch darauf an, dass Allgemeine Geschäftsbedingungen nicht nur sinnvoll formuliert, sondern insbesondere auch wirksam in das Auftragsverhältnis einbezogen werden. Die tatsächliche Praxis, die wir aus der Beratung von vielen Bootsbau- Sachverständigen kennen ist, dass hier häufiger mehr Disziplin und Problembewusstsein bei Sachverständigen sinnvoll wäre.

Bootskäufer

...sind gut beraten, vor der pauschalen Beauftragung eines Gutachters mit diesem insbesondere zu klären, welche Beurteilungsschritte und welche Ermittlungsmethoden bei dem ins Auge gefassten Boot sinnvoll sind, welche Kosten hierdurch entstehen und welche Erkenntnisse durch die jeweiligen Prüfmethode zu erwarten sind. Auch hier ist häufig zu beobachten, dass die Parteien sich nicht genügend damit auseinandersetzen, was prüfrelevant ist und was nicht. Die häufig unzureichende Kommunikation zwischen Bootskäufern und Sachverständigen tut ihr übriges, um Haftungsfälle und Verfahrensrisiken heraufzubeschwören.

Eine Situation, in der sich kaum jemand gerne wiederfindet- nicht nur wegen der beidseitigen Nervenanstrengung für das meist lange gerichtliche Verfahren, sondern auch wegen der Prozesskostenrisiken.

Ansprechpartner für Bootsbausachverständige

Sie haben als Sachverständiger Fragen zur Gestaltung sinnvoller Besichtigungsaufträge und Haftungsbeschränkungen sowie allgemeine Geschäftsbedingungen? Ansprechpartner hierfür bei BRINK & PARTNER in Flensburg ist Rechtsanwalt Jochen- P. Kunze